Der Wecker klingelt (Teil 3, 1.Fassung)

Der Wecker klingelt. Ich gehe ran. Es ist weder besetzt, noch hat sich jemand verwählt. „Guten Morgen, Herr Diener!“ Es ist mein Chef. Mein neuer Chef. Mein alter hat mich vor einem Jahr verlassen. Nach zehn Jahren Ehe. Was anfangs eine Affäre gewesen war, war zu Liebe geworden und jetzt lebt er mit Herr Ektion aus der „Wir-können-immer-Siedlung“ am anderen Stadtende zusammen. Eines Tages kamen er mit seinem Neuen nach Hause. Mir legte er die Scheidungspapiere hin. Dann stellte er vor meinen Augen Herr Ektion einen Heiratsantrag. Das brach mir das Herz. Herr Ektion unterschrieb dann auch gleich den Ehevertrag, gab mir einen Tritt mit und prügelte mich durch Wohnung und Treppenhaus hinaus auf die Straße und spuckte mir dann noch ins Gesicht. Daraufhin wurde ich bewusstlos.
„Herr Diener? Hallo! Können sie mich hören?“ „Guten Morgen Chef. Schön sie zu hören. Was kann ich für Sie tun?“ Herr Diener, sie müssen mir ein paar Fragen beantworten. Es geht um unsere Verlobung. Ich habe soeben mit Elena gesprochen und interessante Dinge erfahren, Herr Diener. Sie sind also seit mehreren Jahren in ärztlicher Betreuung wegen ihrer Allergien, vor allem ihres Asthmas?!“ „Ja, das ist richtig.“ „Sie nehmen regelmäßig Antihistaminika und bei stärken Beschwerden auch Kortisonpreperate ein?!“ „Ja, korrekt.“ „Deshalb sind sie oft schläfrig, kraftlos und müssen sich öfter ausruhen?!“ „Ja, vollkommen korrekt. Wie sie sehen ist Heuschnupfen wirklich eine ganz gemeine Krankheit.“ „Elena sagte mir auch, dass sie Mitglied einer örtlichen Gewerkschaftsgruppe sind?!“ Ja, auch das ist richtig.“ „Sie hätten ihren alten Chef mehrere Male versetzt, weil sie noch Gewerkschaftsarbeit nachgehen mussten?!“ Ja, genau. Er tolerierte das. Dafür habe ich ihn aber dann an den Wochenenden auch richtig verwöhnt, wenn sie verstehen.“ Dann war es kurzzeitig still am Hörer. Dann hörte man ein tiefes Luftholen und dann nur noch eine schrille, schreiende Stimme:„Herr Diener, wenn sie glauben Gegensätze ziehen sich an, dann haben sie sich getäuscht! Ich suche einen gesunden und leistungsfähigen Mann, der mein Leben durch seinen Einsatz und seine bedingungslose Hingabe bereichert! Alles hat sich um mich zu drehen! Es geht hier um meine Profite, mein Glück und meine mittel- bis langfristige Befriedigung! Wer mich glücklich machen will, der muss mir was bieten können, mir jeden Wunsch von den Lippen ablesen und sich in seiner Freizeit nicht mit diesen Flitchen von der Gewerkschaft abgeben! Verstehen Sie, ich brauche ein „Wir“, das ein „Ich“ ist. Nämlich mein „Ich“ als unser „Wir“, und da hast „Du“ und dein „Ich“ leider keinen Platz!“ „Aber…“ „Nicht’s aber! Solche chronisch Kranken wie sie will doch keiner haben! Ich hör sie doch schon schwer schnaufen, wenn sie versuchen es mir richtig zu besorgen. Statt dem nötigen Wachstum in der Hose und wilden Orgasmen an den Aktienmärkten wird mit ihnen Schrumpfökonomie herrschen! Und statt üppigen Profiterguss blasen Sie mir mit ihrer heißen Luft bloß die nächste Finanzblase auf! Viagra wird da auch nichts aufpäppeln können, weil diese Potenzspritzen der Firma Westerwelle und dergleichen auch nicht mehr halten was sie versprechen! Sehen sie Herr Diener! Sie sind unnütz! Sie turnen mich ab! Sie bringen nur Probleme mit sich! Wer soll denn so jemanden wie sie nur heiraten?! Ich gebe ihnen einen Tipp: Vergessen sie den offiziellen Heiratsmarkt! Der schwarze Heiratsmarkt, das ist ihr Niveau! Unser Verhältnis ist hiermit beendet! Schönen Tag noch, sie Nichtsnutz!“

Es grüßt Kleinkotzerich